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Anne ist 31 Jahre alt, seit 13 Jahren mit ihrem Mann zusammen, Mama des kleinen Valentin und von Beruf Hochzeitsplanerin. Schon in jungen Jahren war beiden klar, dass sie einmal Eltern werden wollen, am liebsten mit Mitte 20. Dann war es endlich so weit, nach einigen Auslandsaufenthalten ihres Mannes und viel gemeinsamer Zeit zu zweit waren sie bereit, eine Familie zu gründen: Aber ihr Sohn Valentin ließ noch ganze drei Jahre auf sich warten.

Es hat gedauert

Es war keine leichte Zeit. Anne und ihr Mann waren bereit, sie hatten einen Plan. Doch dieser wollte nicht aufgehen. Drei Jahre lang haben sie es versucht, medizinisch war alles in Ordnung. Es gab keinen Grund, warum Anne nicht schwanger werden hätte sollen. Es wollte einfach nicht klappen. Und da es kein Problem gab, konnte man auch keine Lösung dafür finden. Aus jeder Ecke kamen Ratschläge, dass Anne sich doch einfach entspannen und es ruhig angehen lassen solle. Anne konnte mit solchen Aussagen nichts anfangen. Es war natürlich nett gemeint, aber Anne wusste, dass sie nicht einfach von einem auf den anderen Tag jeden Stress loslassen könne.

Sie wusste, woher der Stress kommt. Als Kindergartenpädagogin hat man täglich 20 Kinder um sich, es ist laut, es ist chaotisch, es verursacht sicher auch Stress. Doch diesen Stress würde sie nicht abschalten können.

Den Ratschlag, den Anne wirklich beherzigt hat, war, sich selbst den Stress zu nehmen, dass sie jetzt sofort ein Kind haben musste. Das war wirklich schwierig, da sie sich so bereit fühlte, schwanger zu werden und ihr Gefühl sagte, dass es jetzt einfach sein müsste. Alles leichter gesagt als getan.

Schicksal
Ich bin schwanger

Den Augenblick, als Anne endlich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand gehalten hat, war unglaublich emotional. Aber im ersten Moment war es für sie auch schwer zu glauben. Anne hatte ein paar Tage zuvor schon das Gefühl gehabt, dass sie eventuell schwanger sein könnte. Aber nach drei Jahren glaubt man nicht mehr jedem Gefühl, das man hat. Auch ihr Mann hat sie gleich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und ihre Euphorie abgeschwächt. Er wollte vermeiden, dass sie im Endeffekt dann doch enttäuscht sein würde. Sie beide. Das war natürlich nicht die Reaktion, die Anne sich von ihrem Partner gewünscht hätte. Und das trägt sie ihm bis heute noch nach. Die ersten Wochen der Schwangerschaft waren wunderschön, aber auch sehr nervenaufreibend. Wenn es endlich geklappt hat, dann will man dieses Kind so stark und die Angst, dass etwas passieren könnte, ist dementsprechend hoch.

Auch, wenn du zehn Jahre als Kindergartenpädagogin tätig bist und denkst, alles zu kennen:

Das eigene Kind stellt dich immer wieder vor neue Herausforderungen.

– Anne–

Elternschaft und Erziehung

Anne dachte, dass ihr die Erfahrung, die sie als Pädagogin in den letzten Jahren sammeln konnte, auf jeden Fall in Sachen Erziehung und Elternschaft helfen würde. Doch da hat sie falsch gedacht. Auch, wenn man zehn Jahre lang als Kindergartenpädagogin tätig ist und denkt, alles zu kennen, das eigene Kind stellt einen doch immer wieder vor neue Herausforderungen.

Anne und ihrem Mann ist es wichtig, Valentin zu einem handlungs- und entscheidungskompetenten Kind zu erziehen. Das Wort Selbstständigkeit kam ihr auch in den Sinn, aber zur Selbstständigkeit gehört noch eine emotionale Komponente dazu. Valentin müsste dafür nicht nur die Kompetenz haben, etwas zu tun, sondern auch den Willen haben, es allein zu tun. Er könnte, aber dieser Wille fehlt noch, deshalb kann sie jetzt noch nicht sagen, dass er selbstständig handelt.

Valentin wurde von Anfang an in alle Entscheidungen miteingebunden. Er kennt sich bei vielen Dingen gut aus, ist wahnsinnig interessiert und unglaublich neugierig. Mit 10 Monaten hatte er schon ganz genau gewusst, was er möchte und konnte sich ohne Worte verständigen. Und diese Entwicklung geht jetzt, wo er seinen Willen mit den ersten Worten unterstreichen kann, stetig weiter.

Für Anne wird es mit der Zeit immer einfacher, auf Valentins Wünsche und Bedürfnisse eingehen zu können. Es war den Eltern immer schon ein großes Anliegen, zu merken, was Valentin will und ihm seine Wünsche auch erfüllen zu können. Valentin hat immer schon nach Eigenständigkeit gestrebt, er war das glücklichste Baby, als er endlich krabbeln und sich bewegen konnte. Er ist ein Kind mit sehr starkem Charakter.

Schicksal

Was bedeutet es, ein Kind zur Selbstständigkeit zu erziehen?

Valentin müsste dafür nicht nur die Kompetenz haben, etwas zu tun, sondern auch den Willen haben, es allein zu tun.

– Anne –

Vorbildfunktion

Sprüche wie „Mach’s dir nicht so kompliziert“ oder „Du kannst es dir auch einfach machen.“ hört Anne gar nicht gerne. Sie ist der Meinung, wenn du nach diesem Credo dein Kind erziehst, geht das auf Kosten der Gesundheit des Kindes. Es sich „einfach zu machen“ ist oft mit zu viel Bildschirmzeit oder Süßigkeiten verbunden. Dinge, die für das Kind nicht gut sind. Es muss einen Mittelweg geben, es sich selbst nicht zu kompliziert zu machen und dem Kind damit nicht zu schaden. Anne geht es nicht darum, Valentin gezielt Sachen zu verbieten, es geht um die Vorbildfunktion, die man als Eltern nun mal hat. Der Fernseher wird bei Anne und ihrem Mann erst aufgedreht, wenn ihr Sohn schläft. Süßes wird, besonders in seiner Anwesenheit, nur in Maßen verzehrt. Wenn jedoch seine Eltern ein Stück Kuchen essen, darf er gerne, wenn er danach verlangt, mitnaschen. Oder wenn er mal ein Stück Schokolade findet, es auspacken und essen will, wird es ihm auch nicht verboten.

Es soll jedoch nicht so selbstverständlich zum Alltag gehören, dass er ohne Anreiz ständig danach fragt.

Die Pandemie

Die Pandemie hat die Schwangerschaft und auch die Geburt natürlich sehr beeinflusst. Wenn man während der Geburt noch einen Corona-Test in die Nase geschoben bekommt, ist das alles andere als angenehm. Zu gewissen Voruntersuchungen durfte Annes Mann nicht mit, bei der Geburt selbst war er dabei, die Geburt fand in einem Privatkrankenhaus statt. Befreundete Mütter hatten hier nicht so viel Glück und mussten die Geburt allein durchstehen. Anne ist nach wie vor sehr glücklich darüber, dass bei ihr die Geburt so normal wie möglich verlaufen ist.

Auch nach der Geburt war Corona noch sehr präsent. Hier und da fragen sich Valentins Eltern, ob die Zeit ab Valentins Geburt anders verlaufen wäre, würde es Corona nicht geben. Sei es der Kontakt zu anderen Müttern, aber auch der Kontakt zu anderen Kindern, der hätte intensiver sein können. Aber das bringt so eine Pandemie leider mit sich, man kann nie wissen, wie es hätte sein können.

Doch Corona hatte für die Familie nicht nur einen negativen Beigeschmack.

Wäre Valentin wie geplant früher gekommen, wären Anne einige Situationen, vor allem in ihrem Beruf der Kindergartenpädagogin, nicht erspart geblieben. Sie weiß, unter welchen enormen Belastungen und ständigen Einschränkungen ihre KollegInnen zurzeit arbeiten müssen und hat größten Respekt davor. Ihr Mann hätte auch vor drei Jahren noch einen anderen Job gehabt, der es ihm nicht, wie jetzt, erlaubt hätte, jede Mittagspause nachhause zu kommen und Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. Weiters hat Anne während der Pandemie erkannt, welche Menschen ihr wirklich wichtig sind, ob Familie oder Freunde. Also hat schon alles seinen Sinn gehabt, das Leben schreibt seine eigenen Geschichten.

Schicksal

Ich denke, es war Schicksal.

Wäre Valentin wie geplant drei Jahre früher gekommen, hätten wir vieles anders machen müssen.

– Anne–