Veronika und ihr vierjähriger Sohn Tobias

Jährlich gibt es ungefähr 1.200 Teenagermütter in Österreich. Eine davon ist Veronika. In einem ehrlichen Interview gewährt uns die heute Zwanzigjährige – Mutter des vierjährigen Tobias – einen Einblick in ihren besonderen Lebensabschnitt. Eine mitreißende, schonungslose Story über Aufklärungsunterricht, Schwangerschaft mit 15, Auszug aus dem Heimathaus, Schulabbruch, Wiedereinstieg und Vorurteile.

Frühreif und eine Rebellin

Die Eltern trennten sich, als Veronika noch sehr jung war, somit lernte sie schon von klein auf, selbstständig zu sein. Sie bezeichnet sich selbst als sehr frühreif. Eine kleine Rebellin sei sie gewesen und ihre Freundesgruppe immer ein paar Jahre älter als sie. So kam es, dass sie mit 15 Jahren eine Partynacht mit ihrem damaligen älteren Freund verbrachte und prompt schwanger wurde. Der Freund machte daraufhin mit ihr Schluss. Im sechsten Monat schwanger, ging Veronika eine neue Beziehung ein. Sie gab dem neuen Freund allerdings von Anfang an zu verstehen, dass es sie beide – Mutter und Sohn – nur im Doppelpack gäbe, was für diesen kein Problem war. Die Beziehung hielt die nächsten zweieinhalb Jahre, dann folgte die Trennung.

Ein Schock für die religiöse Mutter

Die Schwangerschaft war zunächst ein Schock für ihre Familie, besonders für ihre sehr religiöse Mutter. Diese war davon ausgegangen, dass sich ihre Tochter mit „dem ersten Mal“ noch Zeit lassen würde. Die Konsequenzen von Sexualverkehr waren Veronika wohl bewusst, aber sie war – wie sie selbst sagt – blauäugig: „Es war mir nicht klar, dass man doch sehr schnell schwanger werden kann – dass dafür ein einziges Mal reicht.“

„Es war mir nicht klar, dass man doch sehr schnell schwanger werden kann – dass dafür ein einziges Mal reicht.“

Abtreibung, ja oder nein?

Eine Abtreibung wurde in Betracht gezogen, aber nur bis zu dem Zeitpunkt, als Veronika bei der Untersuchung das erste Mal den Herzschlag ihres ungeborenen Kindes hörte. Danach war für sie klar, dass sie das Kind behalten wollte: „Die Muttergefühle waren so stark, ich hätte mich auch ohne Unterstützung für das Baby entschieden!“

Aufklärungsunterricht – let´s talk about sex – maybe?

In der Schule fand zwar Aufklärungsunterricht statt, aber zu groß war Veronikas Schamgefühl, um Fragen zu diesem Thema zu stellen: „In diesem Unterricht, umringt von pubertierenden Jungs, war es für mich schon die meiste Anstrengung und Konzentration, nicht rot zu werden“. Veronika findet es sehr schade, dass Aufklärungsunterricht nicht getrennt – Jungs- und Mädchengruppen – stattfindet: „Es würden bestimmt mehr Fragen auftauchen, die man sich dann auch stellen traut.“

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Schriftliches Einverständnis der Mutter für den Kaiserschnitt

Die werdende Mutter erlebte eine angenehme Schwangerschaft und ihr damaliger Freund war bei der Geburt dabei, auch ihre Mutter war im Krankenhaus anwesend. Veronika wusste, dass es von Vorteil war, einen Erziehungsberechtigten ebenfalls vor Ort zu wissen: „Für Notsituationen – wie z.B. operative Eingriffe – benötigen Minderjährige die Einwilligung eines Elternteiles bzw. eines Sorgeberechtigten“, erklärt die damals 15-Jährige. Veronika brachte Tobias per Kaiserschnitt zur Welt, mit schriftlicher Einverständniserklärung ihrer Mutter.

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Die ersten Monate

Nach der Geburt lebte Veronika mit ihrem Baby für die ersten fünf Monate bei ihrer Mutter. Tobias war 9 Monate alt, als Veronika wieder in das Schulleben einstieg. Das letzte Schuljahr wiederholte sie, da sie aufgrund von Kinderarztterminen und Kindererkrankungen viele Fehlstunden verzeichnen musste. Bis zu Tobias´ erstem Geburtstag konnte Veronika bei der Kinderbetreuung auch auf ihre Mutter zurückgreifen. Dieser Zwischenschritt – Betreuung durch die Oma – erleichterte ihr dann auch den Übergang zur Tagesmutterbetreuung. Nach zweieinhalb Jahren trennten sich Veronika und ihr Freund, die junge Mutter zog mit ihrem Kind vorübergehend in die vom Großvater angebotene Wohnung und stellte ein Ansuchen für eine Sozialwohnung.

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Bisexuell: Das Outing

Zu ihrer Mutter will sie nicht mehr zurückziehen. Veronika hat sich letztes Jahr als bisexuell geoutet. Die Mutter, streng religiös, konnte das Coming-out ihrer Tochter nicht akzeptieren. Und so herrschte Funkstille zwischen den beiden. Da Veronikas Geschwister im Haus der Mutter wohnen, kann Veronika bei ihren Geschwisterbesuchen ein Aufeinandertreffen mit der Mutter nicht verhindern. Zudem vergöttert Tobias seine Oma und besucht diese gerne; Veronika möchte dem Kleinen seine Großmutter nicht vorenthalten. Aus diesen Gründen fand eine Aussprache zwischen Veronika und ihrer Mutter statt. Die Fronten wurden geklärt, Grenzen wurden gezogen und beiderseits akzeptiert.

Matura mit Kleinkind – und dann?

Momentan konzentriert sich Veronika auf ihre Maturaprüfungen. Anschließend möchte sie einen Job finden, um sich eine Sozialwohnung leisten zu können. Ihr Wunschtraum wäre eigentlich ein Informatikstudium – das Programmieren begeistert sie besonders. Aber die junge Mutter weiß, dass sich ihre Wünsche derzeit mit ihrem Plan – Wohnung und Arbeit – schwer vereinbaren lassen: „Ich stelle meine Wünsche zurück, die Bedürfnisse meines Sohnes sind mir wichtiger“, sagt Veronika.

Wo ist denn der Papa?

„Wenn man so jung wie ich mit einem Kinderwagen durch‘s Dorf geht, wird man schon schief angeschaut. Da fallen Aussagen wie: ‚Wo ist denn der Papa? Ist ja klar, dass er dich verlassen hat, wenn du nicht abtreibst.‘“ Nur einer von zehn Blicken war freundlich, die Gesellschaft reagierte oft ablehnend. Veronika findet: „Man wird mehr verurteilt, wenn man jünger schwanger ist“. Viele realisieren laut Veronika aber nicht, dass auch junge Mamas Muttergefühle haben: „Die Gesellschaft hat für junge Mütter wenig Verständnis. Sie fallen durch das Raster des Sozialsystems, weil es nach wie vor ein Tabuthema ist und es zu wenig sozialen Rückhalt für diese Personengruppe gibt.“

Erlebnis am Dorffest

Sie erinnert sich an eine schlimme Situation: Es war bei einem jährlichen Dorffest. Sie war im vierten Monat, trank daher keinen Alkohol und hielt sich von den Rauchenden fern. So realisierten auch die Nichtwissenden sehr schnell ihre Schwangerschaft. Von einem Freund konnte sie sich anhören lassen: „Du hast eh jeden ins Bett geschleppt, weißt du überhaupt, wer der Vater ist?“ Und das vor versammelter Menge! Veronika zeigte jedoch Größe, machte am Absatz kehrt und verließ das Fest. Mit Mobbing kannte sich Veronika aus, war sie doch persönlich in Kindesjahren damit konfrontiert gewesen. Sie ist sich auch bewusst, dass sie für ihr Leben selbst verantwortlich ist: „Ich habe Mist gebaut, aber ich bin erwachsen genug, dass ich jetzt dafür geradestehe. Man muss seine Scheiße auch selbst ausbaden“, sagt die junge Mutter.

„Ich habe Mist gebaut aber ich bin erwachsen genug, dass ich jetzt dafür geradestehe. Man muss seine Scheiße auch selbst ausbaden.“

Das würde ich meinem 15-jährigen Ich raten

Was Veronika ihrem 15-jährigen Ich heute sagen würde? „Steh zu dem, wer du bist. Wo du hin willst. Was deine Ziele sind. Wenn man sich selbst treu bleibt, bringt dich so schnell nichts um! Es wird manchmal verdammt schwer sein und man geht kontinuierlich an seine Grenzen. Aber am Ende des Tages ist es das wert. Mir gibt mein Kleiner so viel mehr zurück, als ich Kraft investiere.“

Interview mit Veronika im April 2021.

Anmerkung der Redaktion: Marina hatte eine ähnliche Story zu diesem Thema, hier mehr dazu lesen.